Fingerspiele… (text)

Die erste Röntgenaufnahme zeigte die Hand von Frau Röntgen. Es ist seltsam, wenn man daran denkt: die Hand nimmt, berührt, streichelt, drückt etwas aus; die Röntgenaufnahme baut eine Distanz zwischen dem Menschen und sich selbst auf, damit der Arzt lediglich einen Patienten sieht.
Tatsächlich zeigen Röntgenaufnahmen im Grunde nur ein sehr reduziertes Bild eines Menschen.
Sie verwirklicht das Wunder der “Durchsichtigkeit” indem sie die menschliche Anatomie enthüllt, aber sie verdeckt unsere Persönlichkeit in seiner Komplexität: sie entfernt die Haut und alles was ein menschliches Wesen in seinem Ganzen ausmacht, das Leben, alles was wir fühlen…
Das ist als tröste uns diese “intime” Karthografie über eine Wirklichkeit hinweg, die uns übersteigt.
Mit den 6 Reihen von “Jeux de mains- Fingerspiele” habe ich versucht, die Radiographie neu zu definieren, um zu zeigen, wie man in diesen Abbildungen das Menschliche erkennbar machen kann. Ich habe also den medizinischen Aspekt beiseite gelassen, um die Abbildungen der Radiographie mit seinen technischen Mitteln, seinen Darstellungsformen, seiner Geschichte und anderer zeitgenössischer Künste (Kino, Fotografie, Darstellungskunst…) zu konfrontieren.
Ich habe direkt am Arbeitsplatz von Radiologen in Zusammenarbeit mit Handkünstlern einige sehr alte Spezialeffekte auf die Radiographie angewendet.
Die folgenden Bilder zeigen, was die Undurchdringlichkeit eines Menschen ausmacht, anders ausgedrückt , was die Röntgenstrahlen normalerweise nicht offenbaren wie zum Beispiel den Schatten, das Spiegelbild, die Haut oder den Fingerabdruck, aber auch unsere Fehler und Macken oder die ausdrückliche Suche nach einer passenden Geste…
Meine Röntgenaufnahen sind digital aber die Art und Weise, wie sie entstanden sind mischen Radiografie, Fotografie, Malerei, Bildhauerei, Kochkunst und vielleicht Zauberei… Somit hat jede dieser Röntgenaufnahmen dazu beigetragen, mir die Radiographie als Bildhauer, als Dichter und Historiker zu Eigen zu machen: das hat mir erlaubt über verschiedene Arten der Darstellung und ihren Bezug zur Realität nachzudenken.
Letztendlich transportiert die medizinische Bildgebung die Hoffnungen und Sehnsüchte unserer Gesellschaft, weil sie die aktuellen technologischen und wissenschaftlichen Erfindungen reflektiert und uns gleichzeitig mit unserer menschlichen Zerbrechlichkeit konfrontiert.
Somit bleibt die Radiographie ein Theaterstück der Pathologie und der Symptome, aber auch der verschiedenen Glaubensrichtungen unserer Zeit, denn die Radiographie ist nicht nur eine wissenschaftliche Entdeckung, sondern ebenso eine kulturelle Erfindung.

Andere Schriftstücke:
Philippe Bassnagel: the view of radiologist
François Dagognet: pour nous l’artiste…
Christian Gattinoni: hands as recovered gift
David Le Breton: radiography as exorcism
Michel Le Du: examined transparency
Philippe Liverneaux: le point de vue du chirurgien
Jean-François Robic and Marc Ferrante: interview
Technical documentation exhibition Hand plays

 
L’usage de la radiographie sur le corps humain à des fins non médicales est interdit, article L1333-11 du code de santé publique, mention ASN